Effectuation. Was kannst du JETZT tun?

Montags-Impuls_ Effectuation

Besonders in diesen herausfordernden Zeiten beschäftigen mich die Fragen:
Wie kann ich einen wertvollen Beitrag zum Leben anderer schaffen?
Was kann ich konkret tun, um die Zukunft aktiv mitzugestalten?

Auf der Suche nach Antworten habe ich mich noch einmal intensiv mit einem großartigen Ansatz auseinander gesetzt.

Effectuation

Effectuation ist eine Methode unternehmerischer Expertise. Die Kognitionswissenschaftlerin Prof. Sara Sarasvathy hat Expert Entrepreneuren, d.h. Serien-Unternehmern mit mindestens 15 Jahren Erfahrung, beim Denken zugehört und dabei eine Logik erkannt.

Diese Logik des Denkens, Entscheidens und Handelns befähigt Menschen insbesondere in ungewissen Zeiten dazu, Neues in die Welt zu bringen und die Zukunft zu gestalten.

Ich selbst nutze die Effectuation-Logik im BerufungsCoaching zur Entwicklung neuer beruflicher Optionen sowie in Organisationen für die (agile) Karriere- bzw. Entwicklungsgestaltung.

Effectuation ist vielseitig und hilft dir auch im Alltag dabei neue Handlungsmöglichkeiten zu erkennen, z.B. was du in der Corona Krise für dich oder andere tun kannst.

Deine Mittel: Was hast du im Kühlschrank?

Vielleicht meinst du, dass ich mich verschrieben habe. Was bitte hat denn unternehmerisches Denken mit deinem Kühlschrankinhalt zu tun? Ganz einfach. Doch fangen wir von vorn an.

Seit Jahr und Tag wird uns vermittelt: Wenn du etwas tun willst, brauchst du als erstes ein klares, möglichst smartes Ziel. Wenn wir das einmal in die alltagspraktische „Küchensprache“ übersetzen, dann wäre das ein Kochrezept. Das Gericht der Wahl ist mein Ziel, das was ich kochen bzw. erreichen will. Im nächsten Schritt suche ich mir nach Rezept dann alle erforderlichen Küchenhelfer und Zutaten zusammen, gehe einkaufen und koche dann Schritt für Schritt mein Wunschgericht.

Soweit so gut. Das alles macht absolut Sinn, wenn die Umweltbedingungen stabil und die Zukunft einigermaßen vorhersehbar und planbar ist. Du ahnst es: In der Corona-Krise und ungewissen Zeiten, wie sie in der VUCA-Welt herrschen, funktioniert dieses Vorgehen nicht mehr.  Die Ziele, und erst recht der Weg dorthin, sind selten klar ersichtlich und liegen meist im Nebel. Selbst wenn wir ein Ziel im Blick haben, kann es sein, dass uns der Zufall und die Umstände einen Strich durch die Rechnung machen.

Daher lautet die zentrale Frage in der Effectuation-Logik nicht:

  • Was will ich kochen? = Was ist mein Ziel?

sondern:

  • Was habe ich im „(Kühl-)Schrank“? = Was sind meine Mittel?

Anhand dieser Mittel bzw. „Zutaten“ ergeben sich verschiedene, mögliche Optionen.
In der Effectuation-Logik orientieren wir uns also an den Mitteln und Optionen anstatt an einem Ziel.

Übertragen auf meine eingangs formulierte Fragestellung, repräsentieren die Mittel unsere eigenen Ressourcen also:

Wer bin ich und was zeichnet mich aus? = Meine Persönlichkeitsmerkmale
Was kann, weiß bzw. habe ich? = Meine Stärken, Fähigkeiten, Wissen, Ressourcen
Und: Ganz wichtig: Wen kenne ich? = Meine Kontakte. Dazu gleich noch mehr.

Dein Purpose: Wozu willst du beitragen?

Die Effectuation-Logik wäre nicht eine meiner Lieblingsmethoden, wenn das Thema Purpose außen vor bliebe.

Die Fragen zum Purpose lauten:

  • Wofür will ich meine Mittel einsetzen?
  • Was treibt mich an? = Was sind meine Motive?
  • Was ist mir wichtig? = Welche Werte sind mir wichtig?
  • Wozu will ich einen Beitrag leisten?

Zurück zur Küchenmetapher. Für mich dient das Kochen nicht nur dazu mein Hungergefühl zu befrieden. Ein gesunder und nachhaltiger Lebensstil spielen auch in der Küche eine wesentliche Rolle. Ich persönlich möchte zu einer vegetarischen Ernährung beitragen und meine Familie sowie Freunde dafür begeistern.

Im Unterschied zu einem Ziel (Endzustand) ist der Purpose eher eine Qualität, die ich kontinuierlich, ja tagtäglich auf verschiedene Art und Weise zum Ausdruck bringen kann. Unser Purpose ist individuell und evolutionär, d.h. diese Qualität entwickelt sich mit der tiefer gehenden Selbsterkenntnis und mit unserer Lebenserfahrung. Beides erweitert unsere Mittel und damit auch unsere Möglichkeiten und Wirksamkeit, unseren Purpose zum Ausdruck zu bringen.

Deine Partner: Wen/wer kann (d)ich unterstützen?

Ein weiteres Prinzip der Effectuation Logik sind Partnerschaften. Wenn wir noch einmal in die Küche schauen, wird schnell klar warum. Ich habe meine Zutaten und Klarheit wozu ich mit meinem Gericht beitragen möchte, doch meine eigenen Mittel und damit Optionen sind aller Voraussicht nach begrenzt.

Hier kommt das Prinzip der Co-Creation in Spiel, d.h. wir kochen gemeinsam mit anderen, die bereit sind mitzumachen und das Neue zu gestalten. Andere haben weitere „Zutaten“ im (Kühl-)Schrank und gemeinsam können wir ambitionierter kochen und ein reich gedecktes Buffet füllen, also viel mehr und besser kochen als ich das allein mit meinen Mitteln vermag.

Dabei gleicht unser Netzwerk weniger einem Puzzle, bei dem wir das „richtige“ Teil suchen, sondern eher einer Patchwork-Decke. Einer bunten Vielfalt an Kontakten, die mit ihren Erfahrungen, Wissen, Kontakten und/oder ihrer Tatkraft unsere Perspektive erweitern und uns neue Optionen eröffnen.

Die Frage in der Effectuation-Logik lautet:

  • Wer ist bereit mitzumachen?

„Wenn du schnell gehen willst, dann gehe alleine.
Wenn du weit gehen willst, dann mußt du mit anderen zusammen gehen.“
(Afrikanisches Sprichwort)

Deine Optionen und Experimente: Was kannst du JETZT tun?

Insbesondere in ungewissen Zeiten ist es schwierig bis unmöglich vorab zu entscheiden, welches Ziel und welcher Weg für uns richtig ist. Zumal ein Ziel mit einem großen Zeit- und Energieaufwand verbunden sein kann, um dann eventuell am Ziel festzustellen, dass es unsere Erwartungen nicht erfüllt. Genau aus diesen Gründen bzw. Ängsten gehen wir meist gar nicht erst los, sondern bleiben im Gedankenkarussell stecken.

In der Effectuation-Logik geht es darum, schneller raus aus dem Denken und Mutmaßen und ins Handeln und Erfahren zu kommen. Daher treten Optionen an die Stelle von Zielen. Anstatt lange den Weg für das große Ziel zu planen, testen wir in kurzen Zyklen verschiedene Optionen mithilfe von Experimenten oder sogenannten Prototypen.

Die Fragen lauten:

  • Welche Optionen sind für mich sichtbar und relevant (im Sinne des Purpose)?
  • Wie kann ich diese Optionen testen?
  • Was kann ich JETZT tun?

Das hat verschiedene Vorteile: Zum einen minimieren wir das Risiko. Anstatt viel Zeit, Geld und Energie in ein großes Ziel zu investieren, fokussiere ich mich mit meinen Mitteln auf den nächsten machbaren Schritt und gehe los. Mit jedem Schritt lichtet sich der Nebel. Wir gewinnen neue Kenntnisse und Kontakte, erweitern unsere Mittel und können unseren Purpose und unsere Optionen weiterentwickeln.

„Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“
(Martin Walser)

Dein leistbarer Invest: Wieviel bist du bereit zu geben?

Die Effectuation-Logik spricht nicht vom gewünschten Ertrag, sondern vom leistbaren Verlust. Ich bezeichne es lieber als Invest. Denn auch wenn wir Scheitern haben wir die Zeit, das Geld und die Energie nicht verloren, sondern aus unseren vermeintlichen Fehltritten neue Erkenntnisse gewonnen, die uns wiederum helfen passendere Optionen zu entwickeln.

Der Vorteil ist, dass wir nicht sofort zum großen Sprung ansetzen und dann tief fallen. Durch die Experimente und Prototypen minimieren wir unseren Einsatz und das Risiko. Gleichzeitig können wir schneller Neues erfahren oder gestalten.

Um nochmal die Küchenmetapher zu bedienen: Ich bin bereit mein Geld für hochwertige Lebensmittel auszugeben. Allerdings möchte ich mit wenigen Zutaten in möglichst kurzer Zeit ein leckeres Gericht zaubern und dafür nicht den ganzen Tag in der Küche stehen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir Umstände und Zufälle nicht als Feinde der Zielerreichung vermeiden, sondern sie mit offenen Armen empfangen und gestaltend integrieren – nach dem Prinzip der Improvisation: „Ja, UND …!“

Fazit. Unterwegs in ungewissen Zeiten

Die Effectuation-Logik lässt sich mit dem Auto fahren im ersten oder zweiten Gang vergleichen. Wenn die Richtung noch vage ist, das Terrain unbekannt und ich keine Landkarte oder ein Navigationsgerät habe, hilft es auch nichts lange nachzudenken, ich muss Leute (meine Partner) nach dem Weg fragen oder losfahren (Optionen testen) um das Ganze zu erkunden. Ab einem bestimmten Punkt kann ich dann hochschalten und schneller fahren. Dann ist es auch sinnvoll von der Effectuation-Logik wieder in die Zielorientierung und Planung zu wechseln.

Mir hat die Auseinandersetzung mit den Fragen neue Optionen verdeutlicht. Ich bin sehr dankbar, dass ich momentan die Zeit habe, diese weiter zu verfolgen und dass sich sehr viele Menschen gerade einbringen ohne direkt nach dem „Was bringt es MIR?“ zu schauen. Vermutlich wirst du in ein paar Wochen mehr darüber lesen, was gerade Neues entsteht.

Ich wünsche dir, dass du deine Mittel und Möglichkeiten nutzt und ins Handeln kommst,
Katja

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