Manche Entwicklungswege lassen sich erst im Rückblick wirklich erkennen. Als Katrin nach unserem BerufungsWorkshop im April ihre Erfahrungen mit mir teilte, war ich berührt von der Tiefe, Klarheit und Poesie, mit der sie ihren inneren und beruflichen Übergang beschreibt.
Ihr Text erzählt nicht nur von einer neuen Stelle, sondern von einem leisen, stimmigen Wandel: vom Winter der inneren Vorbereitung, vom Mut, dem eigenen Wert wieder zu vertrauen, und vom Aufbruch in eine Richtung, die sich nach „hin zu“ anfühlt.
Ich freue mich sehr, Katrins persönliche Reflexion hier teilen zu dürfen; als Einladung, den eigenen Übergängen zuzuhören und darauf zu vertrauen, dass Veränderung nicht laut sein muss, um wahr zu sein.
Ein leiser Beginn: Wenn Veränderung kaum hörbar ist
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem kaum hörbaren inneren Verschieben. Ein Satz, der hängen bleibt. Ein Blick, der etwas löst. Ein Moment, der sich erst später als Wendepunkt zeigt. So war es bei mir in diesem Frühjahr – leise, aber unumkehrbar.
Mein Berufsworkshop mit Katja liegt nun fast zwei Monate zurück, und erst jetzt erkenne ich, wie viel sich seitdem in mir bewegt hat. Es war kein einzelnes Wochenende, das man abhakt, sondern ein Prozess, der sich weiter entfaltet. Vielleicht ist das der beste Einstieg: Ich habe nicht einfach an einem Workshop teilgenommen – ich bin in einen neuen Jahreskreis eingetreten.
Der Workshop als Jahreskreis: Ein Schritt in einen neuen Zyklus
Der Wunsch, einmal einen Workshop bei Katja zu besuchen, begleitet mich schon lange. Ich hatte sogar schon einmal Anlauf genommen, doch damals landete ihre Antwort im Spam. Rückblickend war es wohl einfach nicht der richtige Moment. Dieses Jahr war es anders. Ich sah die Termine und wusste: Jetzt.
Nicht, weil im Außen nichts gewesen wäre, sondern weil sich dort eine Entwicklung abzeichnete, die für mich zunehmend schwieriger wurde – und die in mir etwas in Bewegung gesetzt hatte. Ich mag meinen Job, ich mag mein Team, ich schätze meine direkte Vorgesetzte – und gleichzeitig spürte ich, wie schwer es wurde, im Klima meines Arbeitgebers gesund zu bleiben. Ich wusste: Wenn ich mich nicht bewege, geht etwas in mir verloren, das mir wichtig ist – meine Integrität.
Der Ruf der neuen Stelle: Ein Raum größer als das eigene Selbstbild
Genau in dieser Phase fand mich die Stellenausschreibung als Referentin. Ein Raum, der größer war als mein Selbstbild. Ein Raum, der mich gleichzeitig rief und verunsicherte. Ich habe lange überlegt, ich habe mich intensiv reflektiert mit meinen Erfahrungen und ich habe mich gefragt, ob ich mir das zutraue.
Und dann habe ich geschrieben – meinen Lebenslauf neu, mein Anschreiben neu, alles mit einer neuen Stimme und damit auch ein Stück weit mich selbst neu. Es war ein leiser, aber klarer Akt von Selbstachtung.
Winterzeit: Die stille Vorbereitung
Zwischen Februar und April lag eine Stille, die ich erst im Rückblick als Winter erkenne. Eine Zeit, in der äußerlich nichts geschah, aber innerlich alles vorbereitet wurde. Ich suchte weiter nach Stellen, schrieb weitere Bewerbungen und merkte doch, wie ich langsam begann, von meinem eigenen Credo abzuweichen: dass jede neue Stelle ein „Hin zu“ sein sollte und nicht mehr ein „Weg von“.
Dresden: Kunst als Spiegel der inneren Bewegung
Und dann kam Dresden. Ich ging ins Albertinum – in die Ausstellung „Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“. Ein Titel, der sich wie ein Spiegel anfühlte. Die Bilder erzählten von Verletzlichkeit, Identität, Übergängen, von dem, was bleibt, und dem, was sich wandelt. Es war der perfekte Auftakt für das, was folgen sollte.
Im Hostel schlief ich im Zimmer „Winter“. Ein Name, der erst später Bedeutung bekam.
Der Workshop: Jahreskreis, Stille, Neuordnung
Im Workshop mit Katja zog sich dieser Faden weiter: der Jahreskreis, die Notwendigkeit von Winterphasen, die Stille, in der sich alles vorbereitet. Ich verstand plötzlich einmal mehr, dass ich selbst im Winter stand – nicht im Stillstand, sondern in der Vorbereitung, in der Klarheit, in der Neuordnung. Ich habe an diesem Wochenende viel verstanden, aber noch mehr gespürt: dass ich mich neu ausrichten darf und dass diese Ausrichtung nicht laut sein muss. Dass Geduld ein Teil des Weges ist, auch wenn sie mir schwerfällt.
Die Frage nach dem eigenen Wert: Was fehlen würde, wenn man nicht da wäre
Eine der Aufgaben im Workshop hat mich besonders berührt: Menschen in meinem Leben zu fragen, was fehlen würde, wenn ich nicht mehr da wäre. Eine Frage, die man selten stellt und noch seltener beantwortet bekommt.
Die Antworten meiner Freundinnen und Freunde waren warm, klar, überraschend. Sie beschrieben Qualitäten, die ich selbst kaum bewusst wahrnehme, weil sie für mich selbstverständlich sind – und doch scheinen sie für andere wesentlich zu sein. Während ich diese Nachrichten las, kitzelte mich die Sonne auf der Haut, und ich spürte zum ersten Mal seit Langem: Ich hinterlasse Spuren. Ich bin nicht nur funktional, nicht nur fleißig, nicht nur „die, die alles schafft“. Ich bin jemand, der etwas bedeutet.
Auch das war ein Teil meines inneren Frühlings.
Mai: Der Austrieb und die berufliche Entscheidung
Im Mai kam der erste Austrieb. Das Vorstellungsgespräch für die Referentinnenstelle – herausfordernd, intensiv, aber stimmig. Und danach ein zweites Gespräch, das mir auf eine andere Weise Klarheit schenkte.
Es war eine Stelle als Sachbearbeiterin, thematisch eine neue Richtung, aber auch deutlich enger als bisher. Während ich bisher als Sachbearbeiterin in einem breiten Themenspektrum und mit vielen Schnittstellen arbeite, wäre diese andere Stelle nur ein sehr kleiner, stark spezialisierter Ausschnitt gewesen – ein Schritt zurück, der fachlich wie persönlich kaum Entwicklung oder Vielfalt bieten würde, wenngleich besser bezahlt.
Zwischen all dem tauchten kleine Zeichen auf, die erst im Rückblick Sinn ergaben: Erdbeeren, Pflanzen, Tarotkarten, mein Berufshoroskop, meine Reflexionstexte.
Leipzig: Magie und Realismus im richtigen Moment
Und dann, Anfang Juni, war ich wieder in einer Ausstellung – dieses Mal in Leipzig, gemeinsam mit einer Freundin, im Mädler Art Forum, in der Ausstellung „Quint Buchholz – Wo wir träumen. Bilder zwischen Realismus und Magie“. Seine Bilder erzählen von Aufbruch und Ankommen, von Weite und leiser Sehnsucht – Bilder, die mich genau im richtigen Moment erreichten.
Dort kam der Anruf: Ich bin die erste Wahl für die Referentinnenstelle.
Ein Moment, in dem alles einrastete. Magie und Realismus in einem Atemzug.
Jetzt fühlt es sich richtig an. Ich will, ich kann und ich werde Referentin – mein „Hin zu“-Job.
Der Brotjob und der innere Resonanzraum
Beruflich habe ich einiges ausprobiert, verschiedene Themen und Branchen, aber ich weiß seit Langem, dass ich einen Brotjob brauche, der mich trägt – fachlich, strukturell, finanziell. Aber im Workshop wurde mir einmal mehr klar, dass es daneben noch etwas anderes gibt: diesen unkonventionellen, kreativen, philosophischen Anteil in mir, der ebenfalls Raum zum Atmen und Leben braucht.
Und das muss nicht unbedingt ein zweites Standbein werden – vielleicht passt es als wohl kuratiertes Hobby oder als Ehrenamt besser, als meine Spielwiese, als mein innerer Resonanzraum. Vielleicht wird es Coaching, ein Thema, das immer wieder auftaucht und gerade noch einmal Fahrt aufnimmt, vielleicht etwas anderes. Ich lasse es offen. Ich lasse der Sache Raum für Entwicklung und probiere mich weiter aus.
Aber ich weiß: Es darf da sein, und es wird seinen Platz finden – einen Platz in meinem Leben mit meinen Jahreskreisen.
Sommer, Segel und der kommende Herbst: Ein neuer Zyklus beginnt
Und so stehe ich jetzt an einem Punkt, an dem ich sagen kann: Mein Winter ist vorbei. Ein neuer Zyklus beginnt. Und der Workshop war der Moment, in dem ich das zum ersten Mal wirklich verstanden habe.
Mein Herbst, der Antritt des neuen Jobs, lässt noch etwas auf sich warten, aber er hilft mir durch den Sommer zu kommen. Der Sommer, der Reisen enthält, Urlaub, und einen Bildungsurlaub, für den ich mich bereits im Winter entschieden hatte: „Die Segel anders setzen im Berufsleben – Ein praktisches Seminar auf einem Segelschiff für den gelungenen Umgang mit Veränderungen“.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Segeln immer wieder in meinem Leben auftaucht. Es stand am Anfang meiner beruflichen Ausbildung, tauchte später mit Menschen auf, die einen Bootsschein hatten, und irgendwann habe ich selbst einen gemacht. Letztes Jahr war ich im Bildungsurlaub auf einem Segelschiff – ein Teamseminar, das mich getragen hat wie ein guter Wind.
Und dann gibt es da noch diese Karte, die ich einmal gefunden habe:
„Ich bin die Kapitänin meines Lebens.“
Damals war es ein Satz, der mir gefiel. Heute ist es ein Satz, den ich lebe.
Vielleicht ist das Segeln deshalb das Bild, das mich durch dieses Jahr trägt: Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen. Und manchmal ist das alles, was es braucht, um in eine neue Richtung aufzubrechen.
Wandel muss nicht laut sein
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses (Früh)Jahres:
dass Wandel nicht laut sein muss, um wahr zu sein – und dass jeder neue Schritt dort beginnt, wo man sich selbst wieder zuhört.
…
Danke, liebe Katrin, für diese berührende Reflexion und Dein Vertrauen, diesen inneren Weg sichtbar zu machen. Vielleicht erinnert uns Deine Geschichte daran, dass Berufung nicht immer als großer Plan beginnt, sondern oft dort, wo wir wieder feiner hinhören, was in uns leise – aber klar – lebendig werden will.
Links für erwähnte Dinge, wie Ausstellungen, Bildungsurlaub und die Postkarte:
Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch.
Die großen Fragen des Lebens
https://albertinum.skd.museum/ausstellungen/paula-modersohn-becker-und-edvard-munch/
Quint Buchholz
Wo wir träumen
Bilder zwischen Realismus und Magie
16. Januar – 01. August 2026
MÄDLER ART FORUM, Leipzig
https://maedlerartforum.com/2025/09/29/quint-buchholz-wo-wir-traeumen/
Die Segel anders setzen im Berufsleben:
https://www.liw-ev.de/detailev/&event=45863
Erfolgreich im Team arbeiten – Gespräche sicher und kompetent führen:
https://www.liw-ev.de/detailev/&event=45617
Postkarte „Ich bin die Kapitänin meines Lebens“
https://www.facebook.com/atelier.zebrafisch/photos/ich-bin-die-kapit%C3%A4nin-meines-lebensmanchmal-ist-es-gar-nicht-so-einfach-den-rich/10157346628686938/


